Die u.a. in “Die Gutenberg-Galaxis” publizierten Visionen von Marshall McLuhan weiter führend kann das Internet als ein Konstrukt angesehen werden, das durch ”magische Kanäle” vernetzt ist: Anschlüsse für u.a. Telefon-, Mobilfunk- und Faxgeräte, Computer, Computernetze oder Kombinationen aus diesen sowie teilnehmende Menschen fungieren als Knoten dieses Netzwerkes, sie bilden Synapsen eines Globalen Gehirns.
Die Analogie zwischen biologischem Gehirn und Globalem Gehirn wird in unten stehender Abbildung visualisiert (20).

Marshall McLuhan teilte die Medien-Genealogie in vier Phasen, deren Unterscheidungsmerkmale im wesentlichen in der Beanspruchung verschiedener Sinnesorgane bei der Wahrnehmung bestehen. Jede Phase hat unterschiedliche Auswirkungen auf Individuen und auf die Gesellschaft.
Vier Phasen der Medienentwicklung nach McLuhan
Orale Stammeskultur
Das erste Menschen zur Verfügung stehende Medium war die gesprochene Sprache. Sie kennzeichnet die erste Phase auf dem Weg zu einer Vernetzung der Menschheit, die orale Stammeskultur. Das Ohr war das wichtigste Sinnesorgan, da Kommunikation sprachlich stattfindet. Die in Dorfgemeinschaften verbundenen Menschen lebten in totaler gegenseitiger Abhängigkeit und Wechselbeziehung. Individualität war nicht möglich (1,2).
Maunskriptkultur
Ungefähr im 5. Jh. v. Chr. folgte daran anschließend die literale Manuskript-Kultur, d.h. die Kultur des handgeschriebenen Textes bzw. Buches. Zur Wahrnehmung von Inhalten wurde das teilweise orientierungslose Auge durch Stimme und Ohr unterstützt. In dieser Zeit bedeutete Lesen unbedingt lautes Lesen, aufgrund überwiegenden Analphabetismusses und dadurch bedingter Erfordernis des Vorlesens und weil Manuskripte i.d.R. schwer zu entziffern waren, da u.U. viele Autoren an den Texten mitwirkten und sie weiterentwickelten. Wissen und Wissenschaft hatten dadurch eine weitgehend offene, unabgeschlossene Struktur (3,4).
Gutenberg-Galaxis
Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert bewirkte grundsätzliche Veränderungen, denn die Mechanisierung der Schreibkunst war auch Ausgangspunkt der Industrialisierung der Produktion. Anders als das Manuskript war das gedruckte Buch ein Massenprodukt. Diese Phase der Medienentwicklung bezeichnete McLuhan als Gutenberg-Galaxis (5).
Folge dieses medialen Umbruchs ist auch eine Trennung von Gefühl und Verstand und - insbesondere bedingt durch die Einführung der Typographie - eine Reduzierung der Vielfalt von Sinnesempfindungen auf einen einzigen Sinn: Das Auge.
Der Buchdruck bewirkte eine Standardisierung von Sprache, Denken und Wissen und förderte die nationale Uniformität und den Regierungszentralismus, aber auch den Individualismus und den Widerstand gegen die Regierung als solche; dadurch wurde Gleichheit im Leben, Gleichschaltung Einzelner sowie Schaffung eines modernen Autorentums (also auch Freiheit der Individuen) bedingt, bei Bildung eines privaten Bewusstseins in einem öffentlichen Raum, dem Staat. Die französische Revolution wurde möglich (6,7).
Globales Dorf
Im Gegensatz dazu wurde Anfang des 20. Jahrhunderts durch die Entwicklung von Elektrizität sowie des Fernsehens ein öffentliches Bewusstsein in private Räume hineingetragen und sukzessive Individualismus und Nationalismus wieder eliminiert. Die neue elektronische Interdependenz verwandelte die Welt in ein Globales Dorf, total und allumfassend - Raum, Zeit und Distanzen aller Art wurden überwunden. Menschen begannen wieder in Gemeinschaft einer oralen Stammesorganisation zu leben, in gegenseitiger Abhängigkeit, was auch Engagement und Anteilnahme erfordert. Tatsächlich haben sich Medien in der von McLuhan prophezeiten Weise entwickelt - das Globale Dorf, mit der weltweiten Anbindung der Bevölkerung an Elektrizität und an Fernsehen, ist nahezu Wirklichkeit geworden. So verfügten beispielsweise in Westeuropa, den USA und Japan bereits im Jahr 2003 nahezu 100% der Haushalte über Farbfernsehen, in Osteuropa waren es ca. 90% (8,9,10).
Das Globale Gehirn als Ausweitung des Globalen Dorfs
Fernsehen funktioniert nur in eine Richtung. Es gewährleistet eine kollektive Datenverarbeitung, ohne dass Individuen einen Input leisten können oder dass Interaktion stattfinden kann. Dies wird wiederum durch das Internet ermöglicht (11).
So sieht auch Russel in der zusätzlichen Möglichkeit der Einbindung und des Versands von Videobildern und anderen Medien die bislang größte Medienrevolution: Eine Synthese von Fernsehen, Computer und Telekommunikation, mit dem globalen Telefonnetz aus Kabeln, Glasfaser-und Funkverbindungen als Infrastruktur (13).
Mittlerweile ist das Internet aus dem beruflichen und privaten Alltag nicht mehr wegzudenken. Seitenabrufe, Käufe und Verkäufe über das Internet nehmen kontinuierlich zu. Dies gilt sowohl für Unternehmen, die ihre Beschaffung und ihren Vertrieb zumindest anteilig über das Internet abwickeln, als auch für Körperschaften des öffentlichen Rechts und auch für private Haushalte (14).
Die Eintrittsbarrieren, um an diesem Prozess teilzuhaben, sind gering. Sie bestehen für Individuen lediglich in der Gewährleistung eines technischen Zugangs zum Internet und der Fähigkeit, schriftlich zu kommunizieren. Das Internet ist ein sich selbst organisierendes System, es hat keine Grenzen, ist dynamisch und uneinheitlich.
Eher Öffentliches (das Fernsehen) wird mit eher Privatem (d.h. Computer und Netzwerke) vermengt. Es erfolgt eine weiterführende Aufhebung von Anonymität und Privatsphäre (15). Das Zusammenleben der Menschen wird dramatisch durch dieses allumfassende Medium und seine Botschaften beeinflusst - jeder Mensch kennt jeden anderen Menschen über sechs Ecken (16). Veraltende (politische) Vorstellungen sind grundlegend zu überdenken und zu modifizieren. Eine neue, herkömmliche Landesgrenzen übergreifende, globale Öffentlichkeit und gar eine Regierung können entstehen (17).
Insbesondere durch Bildung Virtueller Gemeinschaften erfolgt die Entwicklung eines “kollektiven Bewusstseins” der am Internet partizipierenden Individuen. Menschen organisieren sich online, u.a. in sog. smart mobs. Sie diskuitieren, evaluieren, transferieren. Sie handeln einfach, schnell und extrem flexibel (18).
Es erfolgt eine Übertragung Virtueller Gemeinschaften auf das reale Leben - das Globale Gehirn arbeitet!
Unten stehende Abbildung visualisiert die Vernetzung der europäischen Städte (19).

Autor: Uwe-Gernot Fasold
Quellen:
- Marshall McLuhan: Die Gutenberg-Galaxis
- (1) Russel, Peter (1996): Auf dem Weg zum Globalen Gehirn die digitale Revolution als letzte Stufe auf dem Weg zu einem Superorganismus; aus dem englischen übersetzt von Florian Rötzer; UND McLuhan, Marshall (1995b): Die Gutenberg-Galaxis Das Ende des Buchzeitalters, Bonn, Paris, Addison-Wesley-Verlag, erweiterte Auflage 1995, (kanadische Originalausgabe 1962), S.13 ff.
- (2) Morisse, Isabel, Lehmann, Uwe (2004): Die Gutenberg-Galaxis; UND Reisenweber, Thomas (2004b): The Gutenberg Galaxy; UND M. McLuhan (1995b), S. 13 ff.
- (3) Marshall McLuhan (1995b), S. 104
- (4) Vgl. Marshall McLuhan (1995b) Gesamtbuch
- (5) Vgl. Isabel Morisse, Uwe Lehmann (2004) UND Thomas Reisenweber (2004b) UND M. McLuhan (1995b), S. 13 ff.
- (6) McLuhan, Marshall (1964): BBC-Interview mit Frank Kermode, 1964
- (7) Vgl. Isabel Morisse, Uwe Lehmann (2004) UND Thomas Reisenweber (2004b) UND M. McLuhan (1995b), S. 13 ff. UND Robert Darnton (2002) als Beschreibung des Zeitalters der Aufklärung und Französischen Revolution, mit ihren Errungenschaften Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit UND de Kerckhove, Derrick (1996): Jenseits des Globalen Dorfs (Übersetzung: Sybille Wagner); dort entnommen aus: “Medien und Öffentlichkeit“; Rudolf Maresch (Hrsg.), Klaus Boer Verlag, München 1996
- (8) Vgl. Derrick de Kerckhove (1996)
- (9) Marshall McLuhan (1995b), S. 39, S.13 ff. UND Vgl. Isabel Morisse, Uwe Lehmann (2004) UND Thomas Reisenweber (2004b)
- (10) Vgl. Kirsch, Thomas (2003): International Television Overview Key Tables; IP Germany (Hrsg.), S.14 f.
- (11) Derrick de Kerckhove (1996)
- (12) Vgl. Rötzer, Florian (1996): Öffentlichkeit und Aufmerksamkeit; UND Marshall McLuhan (1995) Gesamtbuch UND Reisenweber, Thomas (2004)
- (13) Peter Russel (1996)
- (14) Vgl. Dr. Hauschild, Wolfgang, Dr. Kahle, Irene, Schäfer, Dieter und Timm, Ulrike (2005): Informationstechnologie in Unternehmen und Haushalten 2004; Statistisches Bundesamt (Hrsg.), S.5 f. UND Peter Russel (1996), der belegt, dass Nationen, die aktuell bei der Einführung von Informationstechnologie den weiterentwickelten Nationen weniger fortgeschritten sind, in maximal 10 Jahren den heutigen Stand erreicht haben werden.
- (15) Vgl. Reisenweber, Thomas (2004) UND Derrick de Kerckhove (1996) UND Florian Rötzer (1996) UND Peter Russel (1996)
- (16) Sixtus, Mario (2005): Kennst Du den ?, S. 134-137, in: brand eins 7. Jahrgang, Heft 2, März 2005; brand eins Verlag (Hrsg.), Hamburg: Die Internet-Kontaktplattform Xing.com beruht auf dem Prinzip, dass die Geschäftswelt ein Dorf ist, in dem nahezu jeder sich kennt.
- (17) Vgl. o.V.-BMWA (2005): Technologie und Energie Internationales; Bundesministerium für Wirtschaft und Arbei: Zusammenarbeit mit unseren Partnern in Europa und der Welt ist eine wesentliche Internet-Strategie der Bundesregierung
- (18) Vgl. Rheingold, Howard (2003): Smart Mobs; in: Milich, René: Smart Mobs; UND Vgl. McLuhan, Marshall (1995), S.22, 38 f. UND Peter Russel (1996)
- (19) Chris Harrisson: Internet Map
- (20) Harald Krämer: Global Brain